Spring School 2026 - im Mainzer Landtag
Spring School im Landtag 2026: Von der Theorie zur Praxis im parlamentarischen Alltag
Der Landtag ist „das vom Volk gewählte oberste Organ der politischen Willensbildung. Er vertritt das Volk […]“ (Artikel 79 Abs. 1 LV) und ist damit ein Kernelement der repräsentativen Demokratie. Dennoch erscheinen parlamentarische Prozesse und die Arbeit der Abgeordneten vielen Menschen als schwer nachvollziehbar und wenig zugänglich. Sichtbar sind allenfalls Schlussabstimmungen, hitzige Plenardebatten oder Fotos leerer Parlamentssitze als vermeintliches Symptom einer fehlenden Arbeitsmoral, nicht aber dahinterliegende Aushandlungsprozesse in den Ausschüssen und Fraktionen. Aufgegriffen wurde das Thema „Landesparlamentarismus in Rheinland-Pfalz“ wie bereits im Jahr zuvor im Bachelorseminar von Kira Wolf M.A., in welchem historische und rechtliche Grundlagen, Wahlsystem, Parteienlandschaft sowie zentrale Verfassungsorgane mit Fokus auf den rheinland-pfälzischen Landtag erarbeitet wurden. Daran schloss sich von 15. bis 17. Januar die Spring School im Mainzer Landtag in ihrer nun siebten Ausgabe an, organisiert durch den Landtag Rheinland-Pfalz in Kooperation mit der Arbeitseinheit „Politisches System der Bundesrepublik Deutschland“. Eine Besonderheit der diesjährigen Ausgabe bestand darin, dass das Planspiel als Herzstück der Spring School erstmals gemeinsam mit Studierenden der Johannes Gutenberg-Universität Mainz durchgeführt wurde. Die enge Zusammenarbeit der Studierenden förderte dabei nicht nur den fachlichen Dialog, sondern machte das Planspiel durch persönliche Begegnungen und gemeinsame Erfahrungen besonders lebendig.
Planspiele werden in der Hochschullehre ergänzend zu klassischen Lehr-Lernformaten zunehmend implementiert. Mit ihrer starken Handlungs- und Erfahrungsorientierung haben sie einen signifikanten Effekt auf den langfristigen Wissenserwerb der Teilnehmenden, vorausgesetzt sie werden sinnvoll und reflexiv eingebettet (vgl. Lohmann & Kranenpohl 2023, Massing 2004).
Auch unsere Studierenden konnten Einiges über parlamentarische Abläufe, deren Funktionsweisen und Herausforderungen mitnehmen: Der Rolle von Landtagsabgeordneten entsprechend gekleidet und vorbereitet, starteten die Studierenden in das Planspiel. Vergleichbar mit der Situation neuer Abgeordneter mussten sie sich erst einmal in den Parlamentsalltag mit seinen Abläufen und Aufgaben einfinden. Im Arbeitsparlament findet, anders als oft angenommen, ein Großteil der parlamentarischen Arbeit in den Ausschüssen und Fraktionen statt. Plenarsitzungen bieten „lediglich“ an zwei bis drei Tagen im Monat die öffentliche Bühne für Wahlen, Beratungen, Beschlüsse und die Erörterung aktueller Themen (vgl. Landtag RLP 2024). Mit Unterstützung der Betreuer*innen der Landtagsverwaltung arbeiteten sich die Studierenden ein und bereiteten sich darauf vor, sich in Fraktions- und Ausschusssitzungen mit zwei fiktiven Gesetzentwürfen auseinanderzusetzen: der Errichtung einer Klimaagentur und der Gründung einer Eliteschule in Rheinland-Pfalz.
Um ihre Positionen im Anschluss verfolgen und durchsetzen zu können, mussten die Fraktionen zunächst eine grundsätzliche Haltung zu den beiden Gesetzentwürfen entwickeln. Auf Grundlage dieser Positionierung wurden inhaltliche sowie strategische Überlegungen angestellt: Wie können wir andere Fraktionen auf unsere Seite ziehen? Wo können wir in Form sogenannter Package-Deals Zugeständnisse machen, um an anderer Stelle Zustimmung zu erhalten? Wie können wir als Oppositionsfraktion gegebenenfalls an der Regierung rütteln? Die Abgeordneten verschiedener Fraktionen nahmen aktiv Kontakt zueinander auf, um Positionen des Gegenübers zu sondieren und Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten. Neben den Abgeordneten, die in Pressemitteilungen über ihre parlamentarische Arbeit und ihre inhaltlichen Positionen informierten, übernahmen vier Studierende die Rolle von Pressevertreter*innen. Mit ihren Beiträgen lenkten sie gezielt Aufmerksamkeit auf Konfliktlinien und kontroverse Interaktionen im parlamentarischen Geschehen und trugen so dazu bei, die Debatten spürbar zu intensivieren.
Die detaillierte Ausarbeitung der Änderungsvorschläge zu den Gesetzentwürfen erfolgte schließlich in den Ausschusssitzungen: Hier wurden einzelne Streitpunkte wie Kostenfragen intensiv diskutiert sowie Debatten unter anderem über gendergerechte Formulierungen und „neutrale“ Sprache geführt. Zwischenrufe führten teils zu Ordnungsrufen, einzelne Fraktionen blockierten zeitweise die inhaltliche Auseinandersetzung, wodurch wie im realen Parlamentsbetrieb Geduld und Verhandlungsgeschick gefragt waren. Gleichzeitig zeigten sich die strukturellen Grenzen der Opposition: Schaffte es die Opposition nicht, ihre Positionen einzubringen, ließ dies nicht unbedingt auf ihre Untätigkeit schließen, sondern lag teils schlicht daran, dass ihr die Mehrheiten fehlten, um diese durchzusetzen. Dies machte die Herausforderungen realer Oppositionsarbeit für die Studierenden nachvollziehbar. Zur Nachvollziehbarkeit realer Entscheidungslogiken trug auch der im Planspiel spürbare Zeit- und Entscheidungsdruck bei, der ein zentrales Spannungsverhältnis parlamentarischer Entscheidungsfindung deutlich machte: Sie erfordert sorgfältige Abwägung, gleichzeitig müssen Entscheidungen in einem bestimmten Zeitfenster getroffen und Kompromisse geschlossen werden.
Ein besonderer Höhepunkt des Planspiels war die Plenarsitzung, die sich in ihrem Ablauf an der Geschäftsordnung des Landtags orientierte und im Plenarsaal mit einer abschließenden Abstimmung entlang der Fraktionsdisziplin endete. Für viele Studierende war es dabei ein außergewöhnliches Erlebnis, selbst im Plenarsaal das Wort zu ergreifen und ihre Positionen in Redebeiträgen, zahlreichen Kurzinterventionen sowie durch Zwischenfragen und -rufe vorzutragen. In der Nachbereitung wurde diskutiert, inwieweit die Debattenführung der realen parlamentarischen Debattenkultur entsprach – ganz im Sinne einer erfolgreichen, reflexiv angelegten Planspielarbeit. Bereits zwei Tage zuvor, während des traditionellen, von Prof. Dr. Manuela Glaab moderierten Kamingesprächs mit Landtagspräsident Hendrik Hering sowie den Journalist*innen Kathrin Wiesel-Lancé und Timo Steppat zeigten die Studierenden großes Interesse daran, wie sich die parlamentarische Praxis vor dem Hintergrund des Wandels des Parteiensystems verändert hat. Diskutiert wurden auch institutionelle Konsequenzen, insbesondere mögliche Anpassungen parlamentarischer Regelungen – etwa zum Amt der Alterspräsident*innen in den Parlamenten. Diese wurden im Kontext der Krise der repräsentativen Demokratie eingeordnet, die sich parlamentarisch unter anderem in zunehmender Fragmentierung, Polarisierung und einer veränderten Rolle der Opposition zeigt (vgl. Weigl & Klink 2022). Ebenso thematisiert wurde die Rolle der Medien sowie Fragen der Berichterstattung über Landespolitik, insbesondere in Wahlkampfzeiten.
Auf diese Fragen und auf parlamentarische Prozesse im Allgemeinen blicken die Teilnehmenden des Planspiels mit all den gesammelten, wertvollen Erfahrungen nun sicherlich aus einer veränderten, reflektierten Perspektive.
Landtag Rheinland-Pfalz. 2024. Aufgaben und Arbeitsweise des Landtags Rheinland-Pfalz. landtag-rlp.de/de/parlament/der-landtag-und-seine-aufgaben/aufgaben-und-arbeitsweise-des-.htm . Zugegriffen: 20.01.2026.
Lohmann, Robert & Uwe Kranenpohl. 2023. Learning by playing – wie Studierende spielerisch lernen. Eine Langzeitstudie über Planspiele. Zeitschrift für Hochschulentwicklung 18, Sonderheft Planspiele: 113-133.
Massing, Peter. 2004. Planspiele und Entscheidungsspiele, In Methodentraining für den Politikunterricht. Hrsg. Siegfried Frech, Hans-Werner Kuhn, Peter Massing, 163-194. Frankfurt a.M.: WOCHENSCHAU Verlag.
Weigl, Michael & Jule Klink. 2022. Parteien: Unverzichtbar – überholt? Eine problemorientierte Einführung für das Studium. Paderborn: Brill Fink.

