Alumni-Portrait: Judith Klassmann-Laux

Von Landau in die regionale Entwicklung – Sozialwissenschaften als Kompass

„'Sozialwissenschaftler gesucht' werden Sie später in keiner Stellenanzeige finden.“

Diesen Satz gab uns der Studiengangbetreuer mit auf den Weg, als wir im Herbst 2001 unser Studium der Diplom-Sozialwissenschaften am Campus Landau begannen. Damals klang das vielleicht ein wenig ernüchternd – heute weiß ich: Er hatte recht. Und gleichzeitig auch nicht. Denn auch wenn der Begriff selten in Stellenanzeigen auftaucht, sind die Fähigkeiten von Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern an vielen Stellen gefragt.
Ein besonderes Highlight meiner Studienzeit war ein Erasmus-Semester in Wien. Diese Zeit hat meine Liebe zu dieser Stadt geweckt – eine wunderbare Erfahrung, die ich bis heute sehr schätze. Und doch habe ich mich nach diesem Semester auch wieder ganz bewusst auf Landau gefreut. Im Vergleich zur großen Universität in Wien war Landau deutlich kleiner – und genau das machte für mich einen großen Unterschied: Hier war man nicht nur eine Matrikelnummer, sondern Teil einer überschaubaren Gemeinschaft. Nach meinem Abschluss blieb ich zunächst noch am Institut für Politikwissenschaft in Landau und übernahm für ein Semester selbst Lehrveranstaltungen – unter anderem die Einführung in den Studiengang Sozialwissenschaften sowie gemeinsam mit einem wissenschaftlichen Mitarbeiter ein Seminar zum demografischen Wandel.

Der nächste Schritt ergab sich dann über ein Netzwerk aus dem Studium

Ein Kommilitone arbeitete bereits am Institut für Mittelstandsökonomie (Inmit) der Universität Trier und machte mich auf eine ausgeschriebene Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin aufmerksam. Ich bewarb mich – und so führte mich mein Weg nach Trier. Am Inmit arbeitete ich in verschiedenen Forschungsprojekten. Zunächst beschäftigte ich mich mit Existenzgründungen von Frauen in wissensintensiven Dienstleistungen. Danach entstanden Broschüren zu Themen wie „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ oder „Wie funktioniert die Wirtschaft?“ für Schülerinnen und Schüler. 
Wenn ich heute – als berufstätige Mutter – daran zurückdenke, muss ich schmunzeln: Mit Mitte zwanzig hatte ich von der praktischen Herausforderung der Vereinbarkeit ehrlich gesagt noch keine wirkliche Vorstellung.

Aus der Theorie in die Praxis

Nach fast drei Jahren in der Theorie zog es mich stärker in die Praxis – und gleichzeitig in die Eifel. Zum einen lebte dort mein damaliger Freund und heutiger Mann, zum anderen wollte ich nicht länger nur über Existenzgründungen schreiben, sondern Gründerinnen und Gründer auch konkret beraten. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Vulkaneifel hatte ich während meiner Zeit in Trier bereits kennengelernt, da sie Projektpartner des Instituts war. Als dort eine Stelle in der Gründungsberatung ausgeschrieben wurde, habe ich mich beworben – und bekam die Chance, den Schritt zu wagen.
In der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Vulkaneifel habe ich dann, wie man so schön sagt, „meinen Weg gemacht“. Ich begann in der Gründungsberatung und arbeitete mit Menschen, die ihre Geschäftsidee verwirklichen wollten. 2012 wurde ich Prokuristin der GmbH und wechselte in die sogenannte Bestandspflege – im Wirtschaftsförderer-Deutsch: das Kümmern um die Anliegen der bereits bestehenden und etablierten Unternehmen am Standort.
Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Vulkaneifel ist dabei ein gemeinsames Instrument der Region: Hauptgesellschafter ist der Landkreis Vulkaneifel, Mitgesellschafter sind die regionalen Bankinstitute. Gemeinsam verfolgen wir das Ziel, gute wirtschaftliche Perspektiven für Unternehmen, Gründerinnen und Gründer sowie für die Menschen in der Region zu schaffen.
2015 wurde unser Sohn geboren – und zwei Jahre später, im Mai 2017, habe ich mich erfolgreich auf die Stelle der Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderungsgesellschaft beworben. Seit Januar 2025 leite ich zusätzlich die Abteilung Struktur- und Kreisentwicklung in der Kreisverwaltung Vulkaneifel. Themen wie Breitbandausbau, Dorfentwicklung, LEADER oder Gesundheitsmanagement zeigen mir täglich, wie eng wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Fragen miteinander verbunden sind – genau das, was mich schon im Studium an den Sozialwissenschaften fasziniert hat.

Wenn ich heute an den Satz vom Studienbeginn zurückdenke,

muss ich schmunzeln: „Sozialwissenschaftler gesucht“ steht tatsächlich selten in Stellenanzeigen. Vielleicht liegt das auch daran, dass Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler überall dort gebraucht werden, wo es darum geht, Zusammenhänge zu verstehen, Menschen zusammenzubringen und Zukunft zu gestalten.
Gesagt hat diesen Satz damals unser Studiengangbetreuer Juniorprofessor Dr. Jens Tenscher, der viele von uns Studierenden geprägt hat und leider viel zu früh verstorben ist. Sein Satz begleitet mich bis heute – als kleine Erinnerung daran, dass sozialwissenschaftliches Denken oft dort wirkt, wo es gar nicht ausdrücklich so genannt wird.